Baukultur als kollektive Aufgabe
Zum Start des Nationalen Forschungsprogramms «Baukultur» (NFP 81)
Von Caspar Schärer, Architekt, Publizist und Raumplaner, Leiter Wissensaustausch des NFP 81
Bulletin 1/2026 – Explorer la culture du bâti, 23. Marzo 2026Material, Kulturerbe, Teilhabe, Landschaft, Soziales: Das Nationale Forschungsprogramm «Baukultur» (NFP 81) ist mit seinen 13 Teams und Projekten breit aufgestellt – interdisziplinär, lokal verankert und mit Bezug zur Praxis.
Was haben die Gestaltung von Kantonsstrassen in Städten, eine bioregionale Kreislaufwirtschaft und neue Bestattungsriten gemeinsam? Richtig, bei allen spielt Baukultur eine wichtige Rolle. Das mag auf den ersten Blick etwas verwundern, aber bei genauerer Betrachtung wird klar, dass es dabei um weit mehr geht als um «schöne Häuser». Die drei angesprochenen Aspekte werden von Forschungsteams aus Lausanne, Zürich und Genf im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms «Baukultur» (NFP 81) erforscht. Hinzu kommen zehn weitere Projekte mit anderen Schwerpunkten – insgesamt wurden vom Forschungsrat des Schweizerischen Nationalfonds 13 Projekte bewilligt.
Forschung als strategisches Ziel
Den Leserinnen und Lesern dieses Bulletins muss man vermutlich das Verständnis, das hinter dem Begriff «Baukultur» steckt, nicht weiter erklären. Dazu nur so viel: Baukultur gibt es, seit Menschen Holz, später Steine aufeinanderschichten, um Häuser zu bauen. Sie achten darauf, wo sie ihr Haus hinstellen, woher der Wind weht, dass es nicht einstürzt, dass sich alle darin wohlfühlen, dass es nützlich ist und dass sie es sich leisten können. Im Grunde bezieht sich der heute geläufige Begriff «Baukultur» auf diese ursprüngliche, a priori holistische Haltung gegenüber jeder menschlichen Intervention in die Umwelt.
Gewissermassen verewigt in einem internationalen offiziellen Papier ist die (neue) Baukultur in der «Erklärung von Davos», die 2018 am Rand des World Economic Forum (WEF) von mehr als zwei Dutzend europäischen Kulturministerinnen und -ministern unterzeichnet wurde – auch von der Schweiz. Etliche Länder nahmen die Selbstverpflichtung von Davos ernst und änderten ihre Baukulturpolitik oder führten überhaupt eine ein. In der Schweiz trieb das Bundesamt für Kultur die Arbeiten voran: 2020 kam die Strategie Baukultur, kurz darauf das Davos Baukultur Quality System und seit einigen Jahren lässt sich beobachten, wie der Begriff der Baukultur langsam in immer mehr offizielle und inoffiziellen Dokumente einsickert.

Es geht um mehr als «schöne Häuser». Gebauter Raum, hier als Collage urban und suburban, ist Gegenstand des breit angelegten Nationalen Forschungsprogramms «Baukultur». © EPFL, Lab-U
Eines der sieben Ziele der Strategie Baukultur lautet «Die Forschung zum Thema Baukultur ist verankert». Und so ist das Nationale Forschungsprogramm «Baukultur» (NFP 81) ein unmittelbares «Produkt» der Strategie Baukultur des Bundes. In der Folge wurde zügig eine international besetzte Leitungsgruppe mit zehn Expertinnen und Experten zusammengestellt. Die Leitungsgruppe wird von Paola Viganò von der École polytechnique fédérale in Lausanne (EPFL) präsidiert. Nach der Ausschreibung 2023 trafen 81 Eingaben ein; daraus wählte die Leitungsgruppe Ende 2024 in einem zweistufigen Verfahren jene 13 Forschungsteams aus, die sich inzwischen an die Arbeit gemacht haben. Das Gesamtbudget des NFP 81 beträgt 10,6 Millionen Franken.
Sozialer und ökologischer Wandel
Die Vielfalt der Projekte ist beeindruckend: Die Auswahl zeigt, wie breit und zugleich tief das Thema gedacht werden muss. Baukultur wird nicht als Expertenprojekt verstanden, sondern als kollektive Aufgabe, interdisziplinär, lokal verankert und partizipativ. Diese Ausrichtung kommt allerdings nicht von alleine; sie hat viel mit der klug formulierten Ausschreibung zu tun. Ein zentrales Anliegen des NFP 81 ist die Verknüpfung der Baukultur mit dem sozialen und ökologischen Wandel. Unsere heutige Art und Weise, die gebaute Umwelt weiterzuentwickeln und zu erhalten, erscheint angesichts einiger kritischer Herausforderungen unzureichend – um es zurückhaltend zu formulieren. Weiter soll die Verbindung von Baukultur und Gesellschaft wieder hergestellt werden; sie ist uns unterwegs irgendwie abhandengekommen. Daraus folgt ein wichtiger Punkt des Programms: Alle Forschungsprojekte mussten bereits in der Bewerbungsphase eng mit Praxispartnern zusammenspannen. Der dezidiert eingeforderte Praxisbezug war ein bedeutendes Kriterium bei der Auswahl.
Die ausgewählten Projekte decken grob folgende Bereiche ab: Material, sozio-ökonomische Zusammenhänge, Vermittlung und Teilhabe, Landschaft im weitesten Sinn sowie Kulturerbe. Alle Kurzporträts der Projekte sind auf der Webseite des NFP 81 (www.nfp81.ch) aufgeführt; in diesem Rahmen hier soll eine einfache Übersicht gewährt werden. Im Bereich Kulturerbe fragt sich das Team um Giacinta Jean an der SUPSI in Mendrisio, wie die kontinuierliche Instandhaltung von Bauten und anderen unbeweglichen Kulturgütern verbindlicher geregelt werden kann, während Franz Graf und Giulia Marino (USI Mendrisio bzw. KU Leuven) neue Prozesse für Sanierung und Renovation untersuchten. Um Materialfragen kümmert sich Guillaume Haberts Forschungsgruppe an der ETH Zürich: Sie untersuchen sogenannte bio-regionale Stoffkreisläufe zur Förderung der Kreislaufwirtschaft im Bauwesen. Muck Petzet an der USI in Mendrisio stellt mit seinem Projekt «Umbaukultur» grundsätzliche Fragen zur heutigen Wegwerfkultur und wie sie überwunden werden kann.

Das NFP «Baukultur» untersucht die gebaute Umwelt, hier als Collage rural und periurban, mit Blick auf soziale und ökologische Nachhaltigkeit. © EPFL, Lab-U
Den sozio-ökomischen Zusammenhängen von Planen und Bauen gehen gleich vier Projekte nach: Das Team um Dirk Engelke von der OST Rapperswil verknüpft Baukultur mit der Grundversorgung im ländlichen Raum, Marie-Joëlle Kodjovi von der HES-SO Wallis forscht zu den grossen Veränderungen in der Agrarbaukultur im Mittelland seit dem 20. Jahrhundert, Eveline Ammann Dula von der BFH (Soziale Arbeit) sucht nach neuen Wegen zur nachhaltigeren Gestaltung von Unterkünften für Geflüchtete und die Gruppe um David Kaufmann von der ETH Zürich erarbeitet Alternativen zu Abriss und Neubau für Stadtpolitik und -planung. Im weiten Feld der Landschaft und Stadträume wirken Dieter Dietz von der EPF Lausanne mit seiner Untersuchung zu den Kantonsstrassen im städtischen Kontext, die durchaus auch als Lebensräume verstanden werden könnten. Ebenso in diesem Bereich forschen Adrienne Grêt-Regamey von der ETH Zürich, die mittels digitaler Technologien herausfinden will, wie der Genius Loci gestärkt werden kann, sowie das Team um Natacha Guillaumont von der HEPIA in Genf, das den Wandel der Bestattungspraktiken in der Schweiz und deren soziale und ökologische Auswirkungen erforscht. Den überaus wichtigen Bereich der Vermittlung und Teilhabe decken zwei Forschungsprojekte ab: Nina Mekacher von der BFH (Hochschule der Künste Bern) entwickelt eine neue partizipative Methode, um Werte und Potenziale bestehender Bauten zu beurteilen, und die breit aufgestellte Gruppe unter der Leitung von Gila Kolb (PH Schwyz) arbeitet mit Kindern und Jugendlichen zusammen, um ihre Sicht auf die Baukultur und die Transformation der gebauten Umwelt einzubringen.

Die Forschungsteams des NFP 81 haben Anfang 2025 ihre Arbeit aufgenommen. Mitte Mai trafen sich rund 80 Personen aus 13 Teams mit der Leitungsgruppe zu einem ersten Austausch in Thun. © Rudolf Steiner
Austausch in alle Richtungen
In den kommenden Jahren wird enorm viel Wissen produziert und es gilt, die Erkenntnisse aus den Projekten einerseits untereinander zu verbreiten und andererseits mit dem bereits vorhandenen Wissen in Theorie und Praxis abzugleichen. Für diese Aufgabe bestimmt jedes Nationale Forschungsprogramm einen «Leiter Wissensaustausch», im Fall des NFP 81 ist das der Autor dieser Zeilen. Im Rahmen des Forschungsprogramms zur Baukultur sind eine Reihe von Formaten vorgesehen – neben jährlichen Treffen aller Projektteams sind dies insbesondere eine von der Leitungsgruppe organisierte Seminarreihe, Besuche bei den Forschungsteams und ihrem konkreten räumlichen Kontext in der Praxis und der Aufbau eines Netzwerks von Baukultur-affinen Fachpersonen aus Verwaltung, Politik, Bauwirtschaft und Zivilgesellschaft. Eine Besonderheit des NFP 81 ist die Medienpartnerschaft mit dem Verlagshaus espazium: Auf der Internet-Plattform www.espazium.ch wurde ein Dossier extra für das Baukultur-Forschungsprogramm eingerichtet. Die Beiträge erscheinen in den drei Schweizer Landessprachen Deutsch, Französisch und Italienisch und richten sich an ein breites interessiertes Publikum. Das Dossier wird rasch wachsen und dazu beitragen, die verschiedenen Akteurinnen und Akteure der Baukultur miteinander in Verbindung zu bringen.
Zum Schluss sei hier noch daran erinnert, dass das Netzwerk Kulturerbe Schweiz auf ein Nationales Forschungsprogramm zurückgeht, nämlich das NFP 16 «Methoden zur Erhaltung von Kulturgütern» in den 1980er-Jahren. Wer weiss, vielleicht entwickelt sich aus dem NFP 81 «Baukultur» auch etwas mit Bestand.