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Kreativität als Schlüssel

Forschungsprojekt «Baukultur gestalten: wertebasiert und partizipativ»

Die nachhaltige Transformation des gebauten Raums gelingt nur, wenn alle Betroffenen ins Boot geholt werden. Hier setzt ein aktuelles Forschungsprojekt der Berner Fachhochschule an. Es kombiniert Kulturtechniken aus Denkmalpflege, Städtebau und Design und entwickelt daraus neue Werkzeuge für eine aktive Teilhabe.

 

Klimawandel, Artensterben, Ressourcenknappheit: Es ist nicht zu übersehen, dass unser auf Ausbeutung, Konsumismus und Petro-Kultur basierender Lebensstil keine Zukunft hat. Wissenschaft und Politik mahnen daher immer dringlicher zu einer grundlegenden Transformation der Gesellschaft. Ein Umdenken im Gebäude- und Infrastruktursektor kann dazu wesentlich beitragen.

 

Umdenken tut Not

Rund 67 Milliarden Franken fliessen jährlich in den Bausektor, der für 50 Prozent des Rohstoffbedarfs, einen Drittel der CO2-Emissionen und über 80 Prozent des Abfallaufkommens in der Schweiz verantwortlich ist. Trotz Bekenntnissen zum kreislauforientierten Bauen und zu einer zeitgemässen «Umbaukultur» wird nach wie vor überwiegend in Neubauten investiert. Längst nicht alle setzen auf lange Lebensdauern von Baustoffen und Bauteilen (Abb. 1). Die radikalste Art, im Bausektor Ressourcen zu sparen und die Verschwendung «grauer Energie» zu vermeiden, ist das Nicht-Bauen, also die systematische Weiternutzung des Baubestands. Dies bedingt einen grundlegenden Perspektivenwechsel in Bezug darauf, wie wir leben, wohnen und arbeiten.

 

Abb. 1: In der Schweiz fliessen mehr als 55 Prozent aller Bauinvestitionen in Neubauten. Namentlich die hierzulande weit verbreitete Tendenz zu Ersatzneubauten ist eine Verschwendung wertvoller Ressourcen. Im Bild: Abbruch an der Schweizergasse in Basel. © Leon Faust

 

Denkmalpflege als Inspiration

Hierzu können Kulturtechniken zur Bestandsbewertung und -erhaltung, wie sie die moderne Denkmalpflege entwickelt hat, gute Dienste leisten. Die Denkmalpflege verfügt über Instrumente wie Inventare, Kriterienkataloge und Schutzverfügungen, um Werte zu erkennen und gegeneinander abzuwägen. Sie ist erfahren in der Etablierung von Revitalisierungsstrategien und flexiblen Nutzungskonzepten. Durch Pflege und Unterhalt verlängert sie die Lebensdauer von Gebäuden und Anlagen. In der praktischen Arbeit am Bau planen Denkmalpflegende Reparaturen umsichtig, minimieren Eingriffe und verwenden angemessene Materialien. Forschend erlangen sie wichtige Erkenntnisse über historische Techniken und zeigen auf, wie frühere Generationen mit Klima und Naturgefahren umgegangen sind. Damit bietet die Denkmalpflege Lösungsansätze, die für den gesamten Gebäudebestand relevant sind. Hier kann eine regional angepasste und ressourcenschonende Weiterentwicklung des gebauten Raums anknüpfen. Wirkkraft entfaltet dies allerdings erst, wenn Wissenstransfer und transdisziplinäre Zusammenarbeit über den schützenswerten Bestand hinaus gelingen. In der Praxis verharren die Akteure im Bausektor heute noch oft in ihren angestammten Rollen und Vorurteilen. Das Projekt «Baukultur gestalten: wertebasiert und partizipativ» der Berner Fachhochschule untersucht, wie Wissen und Methoden sektorübergreifend transferiert werden können. Es entsteht im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms «Baukultur» und vereint Architekten, Conservation Professionals, Architekturhistoriker und Designforscherinnen aus drei Instituten in einem transdisziplinären Ansatz.

 

Doppelter Methodentransfer

Das Projekt basiert auf den Prinzipien der wertebasierten Denkmalpflege. Diese zielt darauf ab, die kulturelle Bedeutung von Orten oder Gebäuden zu bewahren, indem sie einen Ausgleich zwischen den ästhetischen, historischen, wissenschaftlichen, spirituellen und sozialen Werten vergangener, gegenwärtiger und zukünftiger Generationen herbeiführt. Damit schafft sie einen Rahmen, um historische und zeitgenössische Werte ganzheitlich zu betrachten, gegeneinander in Bezug zu setzen und die Potenziale für eine nachhaltige Transformation auszuloten. Diese Technik wird im Projekt auf den gesamten Gebäudebestand ausgedehnt und mit einem Ansatz verbunden, der Anwohnende und Nutzende als Expertinnen und Experten des Orts systematisch in Analyse und Entscheidungsfindung einbezieht. Dabei setzen wir nicht nur auf ihr lokales Wissen, sondern auch auf ihre Kreativität. Hierzu kommt die Cultural-Probes-Methode zur Anwendung, die es erlaubt, qualitative Daten in partizipativer Selbstdokumentation zu sammeln.

 

Was sind Cultural Probes?

Die Cultural-Probes-Methode wurde 1999 von einer Designforschergruppe unter der Leitung von Bill Gaver am Royal College of Art in London entwickelt. Im Rahmen eines EU-Projekts wurde die Akzeptanz neuer Technologien bei älteren Menschen untersucht. Den Seniorinnen und Senioren der italienischen Kleinstadt Peccioli wurde ein Set mit einer Einwegkamera, Postkarten, einem Stadtplan, einem leeren Fotoalbum und einem Tagebuch verteilt. Mithilfe dieser «kulturellen Sonden» dokumentierten die Menschen ihre Gedanken, Gewohnheiten und Bedürfnisse.

In der Designforschung sind Cultural Probes seither eine gängige Technik. Sie werden in der Regel als Set zusammengestellt und an die Teilnehmenden abgegeben. Diese bearbeiten über einen Zeitraum hinweg konkret an sie gerichtete Aufgaben und retournieren die Ergebnisse an die Forschenden zur Auswertung. Je nach Zielsetzung kommen dabei unterschiedliche Elemente zum Einsatz. Für dokumentarische Zwecke leisten Fotos, Videos, Audioaufnahmen oder Tagebücher gute Dienste. Wünsche und Zukunftsvisionen lassen sich auf Postkarten formulieren oder zeichnerisch festhalten. Gerade in räumlichen Kontexten sind auch Karten, Klebepunkte und Pfeile wichtige Hilfsmittel. Mit Plastilin, Lego, Karton und ähnlichen Materialien lassen sich Vorstellungen dreidimensional verbildlichen (Abb. 2).

 

Abb. 2: Dieses Cultural-Probes-Set zum Thema «Sicherheit im öffentlichen Raum» wurde im Rahmen eines Seminars an der Bergischen Universität Wuppertal entwickelt. © Rhena Keller, Anna Nill, Kira Sandrock

 

Cultural Probes liefern sensorische, emotionale und relationale Einblicke in den Alltag, in spezifische Situationen oder in Zukunftsvorstellungen. Aufgrund ihrer Multidimensionalität helfen sie den Menschen, Wünsche und Gefühle auszudrücken. Ungewissheiten, Pluralität und Widersprüche werden als Abbild des realen Lebens behandelt und in die Forschung einbezogen. In einem Baukultur-Setting liefern Cultural Probes eine Innenperspektive von Menschen, die mit den untersuchten Orten vertraut sind. Diese stellt eine wichtige Ergänzung zur Aussenperspektive der Fachexpertinnen und Fachexperten dar und lässt sich damit zu einem ganzheitlichen Bild verweben. Die Designmethode ist einem kollaborativen Ansatz verpflichtet und hebt sich deutlich von gängigen Partizipationsformaten ab, die in erster Linie Informationen sammeln und ausgearbeitete Projektvorschläge spiegeln wollen.

 

Abb. 3: Mannens 2024: Die Bautätigkeit der letzten zehn Jahre veränderte den Charakter des Dorfs nachhaltig. © Service des biens culturels Fribourg, SCRoL, Alain Kilar

 

Abb. 4: Die historische Bebauung des Dorfs Mannens in der Freiburger Broye ist geprägt von nach Süden ausgerichteten Höfen und dazwischenliegenden Obst- und Gemüsegärten. Ansicht aus dem Jahr 2012. © Benjamin Müller, ETH-Bibliothek Zürich, AIC_02-DD-423360-005, CC BY-SA 4.0

 

Erfolgsfaktor Praxispartner

Um sicherzustellen, dass die Methode praxistauglich ist, arbeiten wir mit der Denkmalpflege des Kantons Freiburg und mit dem Schweizerischen Ingenieur- und Architektenverein (SIA) zusammen. Die Bevölkerung des Kantons Freiburg wächst rasant an; der Kanton besitzt eine der höchsten Zuwachsraten der Schweiz, was auch Spuren auf dem Territorium hinterlässt. Die Bautätigkeit nimmt konstant zu. Sie verändert das historisch gewachsene Gewebe nachhaltig und oft nicht zum Guten (Abb. 3 und 4). Die «NZZ am Sonntag» zog am 24. August 2024 unter dem Titel «Die Schweiz ist hässlich» folgende Bilanz: «Das Land wird zugepflastert mit trostlosen Siedlungen, die Profitwut erzeugt Eintönigkeit. Die meisten Neubauten sind in Beton gegossener Durchschnitt». Auch die Freiburger Gemeinden stehen unter Druck. Viele von ihnen verfügen nicht über die nötigen Fachkenntnisse und Ressourcen, um bestehende Qualitäten zu erkennen und Potenziale zu nutzen. Um sie zu unterstützen, ergänzt der Kanton Freiburg derzeit das nationale Ortsbildinventar ISOS um ein Inventar der schützenswerten Ortsbilder regionaler und lokaler Bedeutung. Zudem prüft er in einer Pilotstudie ergänzende Instrumente. Dazu gehören Zustands- und Potenzialanalysen für alle Ortschaften. Ausserdem sollen typologische Kataloge erarbeitet werden, um aufzuzeigen wie eine regional angepasste und qualitätsvolle Weiterentwicklung möglich ist. Schliesslich plant der Kanton neue Umsetzungshilfen. Das Forschungsteam der Berner Fachhochschule begleitet diesen Prozess und testet dabei erstmals die Cultural-Probes-Methode in einem Baukultur-Setting (Abb. 5).

 

Abb. 5: Rahmungen sind beliebte Werkzeuge in Cultural-Probes-Sets. Sie erlauben es, den Blick zu konzentrieren. Im Bild Vesin im Kanton Freiburg. © Alain Kilar (Foto), Merle Ibach (Collage)

 

Das Forschungsprojekt liefert weiter Grundlagen, Instrumente und Prozesse, die in die vom SIA geplante Revision der Norm SIA 469 «Erhaltung von Bauwerken» sowie das zugehörige Merkblatt SIA 2017 «Erhaltungswert von Bauwerken» einfliessen sollen. Das Merkblatt ist ein wichtiger methodischer Ausgangspunkt, da es umfassende Beurteilungskriterien entwirft. Wir werden das Bewertungskonzept, den Bewertungsprozess und die Rolle der Stakeholder analysieren und Verbesserungen vorschlagen.

 

Integration in die Lehre

Die Ergebnisse unserer Forschungen fliessen gleichzeitig in die Architekturausbildung an der Berner Fachhochschule ein. Mit dem «Berner Weg Nachhaltiger Architektur» entwickelte diese in den letzten zwei Jahren einen neuen didaktischen Rahmen für ihre Architekturausbildung, der sich methodisch an Akteur-Netzwerk-Theorien und posthumanistischen Ökologiemodellen orientiert. Er wendet sich ab von einem statischen Werkbegriff sowie einem primär auf Effizienz und technische Optimierungen abstellenden Nachhaltigkeitsverständnis. Gestaltung, Nutzung und Veränderung werden als zusammenhängende kulturelle Praxis einer systemisch-prozessualen Architektur verstanden. Für den Unterricht werden diese Ansätze über integrale Planung, lebenszyklusorientiertes Denken, Demontierbarkeit und Kreislaufstrategien operationalisiert. Unser Forschungsprojekt baut auf demselben Grundverständnis auf. In seiner Fokussierung auf Austauschprozesse und Co-Kreation liefert es wichtige Bausteine für die Architekturausbildung.

So entfaltet das Projekt Wirkung in Lehre und Praxis und kommt einem breiten Spektrum von Akteuren wie kantonalen und lokalen Behörden, Baugenossenschaften, Architektinnen und Architekten, Raum- und Stadtentwicklerinnen und -entwicklern sowie Hochschulen, Verbänden und Organisationen zugute.

Literatur und Links

Informationen zum Projekt:
www.bfh.ch > Suchbegriff «Shaping Baukultur»
youtube.com > Suchbegriff: «BFH-Tag 2025: Shaping Baukultur»
nfp81.ch > Forschungsprojekte > Projektübersicht > «Baukultur gestalten: wertebasiert und partizipativ»

Cultural Probes:
Bill Gaver, Tony Dunne, Elena Pacenti, «Design: Cultural probes», in: Interactions 6, 1 (Jan./Feb. 1999), S. 21–29. doi.org/10.1145/291224.291235
Kirsten Boehner, William Gaver, Andy Boucher, «Probes», in: Celia Lury, Nina Wakeford (Hrsg.), Inventive Methods. The Happening of the Social, Routledge 2012, S. 185–201. doi.org/10.4324/9780203854921

Charta kreislauforientiertes Bauen:
cbcharta.ch

Kanton Freiburg, Ortsbilder und Baukultur:
fr.ch > Suchbegriff «Verzeichnis der Ortsbilder»