Traditionelle Bewässerung als immaterielles Kulturerbe
Von Werner Stirnimann, Geschäftsführer des Internationalen Zentrums der Traditionellen Bewässerung in Europa, und Prof. Dr. Rolf Peter Tanner, Pädagogische Hochschule Bern, Institut Sekundarstufe II
Bulletin 2/2026 – En péril ?, 15. Giugno 2026Das Wissen rund um Suonen, «bisses» und Wässermatten ist Teil des immateriellen Kulturerbes der Menschheit. Seit bald drei Jahren ist die traditionelle Bewässerung dank einer multinationalen Kandidatur in der Repräsentativen Liste der UNESCO eingetragen. Eine Tagung im Herbst 2026 widmet sich dem Thema.
Ob bewässerte Wiesen entlang der Suonen im Oberwallis, entlang der «bisses» im französischsprachigen Wallis oder entlang der Wässerbäche und Gräben der Wässermatten im bernischen Oberaargau und angrenzenden Luzernbiet: Die Auszeichnung der traditionellen Bewässerung im Rahmen der Konvention zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes der UNESCO im Dezember 2023 zeigt den Wert dieser jahrhundertealten Tradition. Im Vordergrund steht das überlieferte Wissen der Menschen, ihr Umgang mit lokalen Ressourcen und Gegebenheiten sowie die in diesem Fall sehr anschaulich und vielfältig gelebte Tradition, auch im Rahmen der lokalen Gemeinschaften wie Geteilschaften, «consortages», Wässermattenvereine oder Wässergenossenschaften. Diese tragen oftmals seit Jahrhunderten zur Fruchtbarmachung von Wiesland, zu höheren Grundwasserständen, zum Hochwasserschutz, zur Förderung der lokalen Landschaftsvielfalt und zur Biodiversität bei. Seit 2022 sind die an der UNESCO-Kandidatur Beteiligten über das Internationale Zentrum der Traditionellen Bewässerung in Europa (IZTB) mit Sitz in der Klosteranlage St. Urban (LU) auch formell international vernetzt und eingebunden.

Wässermatten bei Roggwil (BE): Die traditionelle Bewässerung prägt das Landschaftsbild. © Werner Stirnimann
Abschluss eines langjährigen Prozesses
Die Zusammenarbeit begann bereits vor Jahren. Trägerinnen und Träger aus den eingangs erwähnten sieben Staaten haben die multinationale Nominierung gemeinsam mit Expertinnen und Experten, NGOs, Bewässerungsgemeinschaften, Museen und öffentlichen Einrichtungen vorbereitet, um das umfangreiche Wissen, die kulturelle Bedeutung und die sozialen Praktiken, die mit der traditionellen Bewässerung verbunden sind, auf internationaler Ebene sichtbar zu machen. Dies mündete 2022 zunächst in die Gründung des IZTB. Die intensive Arbeit an der Nominierung wurde fortgeführt und die Kandidatur mit dem Titel «Traditionelle Bewässerung: Wissen, Technik und Organisation» im März 2023 bei der UNESCO zur Aufnahme in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit eingereicht.
Jahrtausendealte Tradition in Europa
Traditionelle Bewässerung ist eine landwirtschaftliche Bewässerungsart, die auf strategischer Nutzung der Schwerkraft und manuell angelegter Konstruktionen wie Zuleitungen und Gräben beruht, um Wasser aus Quellen, Gletschern, Bächen oder Flüssen auf die Felder und Wiesen zu leiten. In oft über Regelwerke vorgegebenen Zeiträumen leiten die Bewirtschafterinnen und Bewirtschafter das Wasser auf ihre Wiesen. Um möglichst die ganze Parzelle zu bewässern, werden vorübergehend an erhöhten Stellen kleine Gräben gezogen oder das Wasser wird aufgestaut und künstliche Überläufe werden geschaffen. Ein umfangreiches Verständnis der Landschaft, des Wasserflusses und der Wetterbedingungen ist erforderlich, um diese Methode nachhaltig und effizient anwenden zu können.
Lokales Wissen bewahren und dokumentieren
Ergänzend zur UNESCO-Welterbekonvention wurde 2003 die Konvention zur Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes von der UNESCO ins Leben gerufen. Damit wurde der Fokus auf das überlieferte Wissen der Menschen und ihren Umgang mit lokalen Ressourcen und Gegebenheiten gesetzt und den vielfältigen gelebten Traditionen internationale Aufmerksamkeit geschenkt. Traditionelle Bewässerung als jahrtausendealtes Wissen leistet einen wichtigen und exemplarischen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung und zum Umgang mit regionalen Ressourcen und fördert den Zusammenhalt innerhalb der Gemeinschaft. So trägt die Praxis durch ihren Beitrag zur Grundwassererhöhung beispielsweise dazu bei, Hochwassergefahren sowie die Auswirkungen des Klimawandels auf lokaler Ebene abzumildern. Die traditionelle Bewässerung stellt bis heute eine auf Kooperation basierende, nachhaltige, energieunabhängige und biodiversitätsfördernde Lösung für die Wasserversorgung in der Landwirtschaft dar. Sie ist für die Ausübenden selbst, die sie umgebende Gesellschaft und Bewässerungsregionen von grosser Bedeutung.
Immaterielles Erbe manifestiert sich in der Landschaft
Obwohl die UNESCO ein immaterielles Erbe auszeichnet, wirkt dies positiv auf die damit verbundene Kulturlandschaft, indem die mit der Bewässerung verbundenen Zuleitungen (Suonen, «bisses», Waale usw.) zur Erhaltung und Stärkung der lokalen Biodiversität beitragen, aber auch ein traditionelles Landschaftsbild von hoher ästhetischer Qualität schaffen, wie die Abbildung zeigt. Weitere Bilder und ein Film sind auf der Website des IZTB (www.iztb.org) unter «Medien» zu finden.
Tagung zu Bewässerungslandschaften
Vom 16. bis zum 19. September 2026 findet in Langenthal eine internationale wissenschaftliche Konferenz statt, die Forschende aus Archäologie, Geschichte und Geografie zusammenführt, dies im Rahmen der Jahrestagung des Arbeitskreises für historische Kulturlandschaftsforschung in Mitteleuropa (ARKUM).
Programm und Anmeldung:
www.arkum.org/jahrestagung/2026