«Wir sind in einer Zeit immenser Umbrüche»
Drei Generationen im Gespräch zur Museumsarbeit in der Schweiz
Von Timo Landenberger, freiberuflicher Journalist, Moderator und Multimedia-Produzent
Bulletin 3/2026 – Au musée, 05. Ottobre 2026Wie haben sich die Arbeitsbedingungen, die Herausforderungen des Alltags, aber auch die Aufgaben eines Museums seit der Gründung des Verbands der Museen der Schweiz vor 60 Jahren gewandelt? Eine Gesprächsrunde blickt in die Vergangenheit, auf die Gegenwart und in die Zukunft der Arbeit im Museumssektor.
Zum gemeinsamen Interview über die Rolle von Museen in der Gesellschaft, über Veränderungen im Arbeitsalltag und künftige Herausforderungen haben wir drei Vertreter unterschiedlicher Generationen eingeladen: Bernard A. Schüle, Jahrgang 1955, war 37 Jahre lang Kurator und Leiter des Objektzentrums im Schweizerischen Nationalmuseum, Präsident des Verbands der Schweizer Museen (VMS) von 1999 bis 2008 und ist mittlerweile im Ruhestand. Andrea Kauer Loens, Jahrgang 1976, ist Direktorin des Liechtensteiner Landesmuseums und war von 2017 bis 2026 Vizepräsidentin des VMS. Anthony Wyer, Jahrgang 2000, ist Fachmann für Information und Dokumentation im Museum für Kommunikation in Bern.

Timo Landenberger im Drei-Generationen-Gespräch mit Anthony Wyer (Jahrgang 2000), Andrea Kauer Loens (Jahrgang 1976) und Bernard A. Schüle (Jahrgang 1955) zur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Museumsarbeit. © Richard Roy
Herr Schüle, Sie haben Ethnologie studiert und sich damit als Kurator im damaligen Landesmuseum beworben. Heute gibt es alle möglichen beruflichen Hintergründe, die ins Museum führen können. Das hat sich vermutlich etwas verändert im Vergleich zu Ihren Anfängen.
Bernard A. Schüle: Das hat sich deutlich verändert. Ich habe das im Lauf meiner Zeit erlebt, denn ich war mindestens 30 Jahre lang bei Museologie-Ausbildungen in der Schweiz als Dozent dabei. Die Studierenden erhalten dort ein Diplom, das ich selbst gar nicht habe. Wir kamen damals einfach von der Uni und waren im Grunde genommen nur Theoretiker.
Ist der Zugang zum Museum dadurch heute eher leichter oder schwerer?
Bernard A. Schüle: Ich denke, schwerer, denn die Anforderungen sind gewaltig gewachsen.
Herr Wyer, als Vertreter der jungen Generation: Ist es schwer, heutzutage in der Museumsbranche zu starten?
Anthony Wyer: Ich gehöre einer im Museum relativ neuen Berufsgruppe an. Da ist es tatsächlich nicht einfach, denn es gibt nicht so viele Stellen, aber ich bin zuversichtlich, dass es immer mehr werden.
Nehmen Sie uns doch mal mit. Was genau machen Sie, und was fasziniert Sie daran?
Anthony Wyer: Fachleute für Information und Dokumentation arbeiten meist in Archiven und Bibliotheken. Es ist recht neu, dass man diesen Beruf auch in der Museumswelt schätzt. Und was ich konkret mache: Wir haben im Museum eine Unmenge an Fotografien, die alle Metadaten enthalten. Also beispielsweise Informationen über den gezeigten Ort, die abgebildeten Personen, das Datum der Aufnahme, den Kontext oder auch den Fotografen oder die Fotografin. Diese Daten versuche ich zu strukturieren, das heisst, ich bringe zusammen, was zusammengehört, und trenne, was nicht zusammengehört. Ich mag dieses Pflegen der Daten, diese Ordnung. Und Museen sind wunderschöne Orte zum Arbeiten.

Trotz vieler Ausbildungsangebote sei es weiterhin nicht einfach, eine Stelle in einem Museum zu finden, sagt Andrea Kauer Loens, Direktorin des Liechtensteiner Landesmuseums und von 2017 bis 2026 Vizepräsidentin des Verbands der Museen der Schweiz. © Richard Roy
Andrea Kauer Loens, als Direktorin haben Sie auch Personalverantwortung und bekommen mit, wie sich die beruflichen Hintergründe ändern.
Andrea Kauer Loens: Es hat eine ausgeprägte Professionalisierung stattgefunden in den letzten Jahren. Früher gab es noch nicht so viele spezifische Ausbildungsangebote, und man hat das dann so ein bisschen on the job gelernt. Das braucht es nach wie vor. Aber ich beobachte, dass die Leute heute schon bei der Bewerbung enorm qualifiziert sind und teilweise von weit herkommen. Das spricht dafür, dass es weiterhin nicht einfach ist, etwas zu finden.
Und woran liegt das?
Andrea Kauer Loens: Es gibt nicht viele Stellen. Ich kenne das selbst auch. Man muss bereit sein, den Radius etwas weiter zu stecken oder den Wohnort zu wechseln. Ich erhielt aber vor 15 Jahren noch nicht so viele hochqualifizierte Bewerbungen aus dem Ausland. Und daran meine ich zu erkennen, dass sich vielleicht die Situation noch etwas zugespitzt hat.
Bernard A. Schüle: Man sollte flexibel und offen sein und auch sagen: Okay, das hätte ich gerne gemacht, aber das interessiert mich eigentlich auch. Ich gehe mal in diese Richtung.
Andrea Kauer Loens: Und wir sprechen nicht nur über akademische Berufe. Museen sind interdisziplinäre Betriebe, das macht es ja so spannend. Wir haben bei uns Leute mit handwerklicher Ausbildung, die den Weg ins Museum gefunden haben, und solche, die aus der Hotellerie kommen. Was uns verbindet, ist die Freude am Museum.
Bleiben wir noch kurz bei neuen Berufsfeldern. Die Digitalisierung schafft nicht nur neue Jobs, sondern betrifft auch die bestehenden Strukturen. Wie ist die Branche hier aufgestellt, und wo gibt es noch Handlungsbedarf?
Andrea Kauer Loens: Wir sind in einer Zeit immenser Umbrüche. Vor einigen Jahren bedeutete Digitalisierung noch, dass wir eine Datenbank bekamen anstelle eines Zettelkatalogs, um unsere Objekte zu erfassen. Heute ist das gesamte Arbeitsfeld durchdrungen von Digitalisierung. Wenn ich etwa an den Bereich KI denke, sind wir alle noch Anfängerinnen und Anfänger. Da sind wir gerade erst dabei zu lernen, welches Potenzial darin steckt oder wo die Grenzen liegen.
Anthony Wyer: KI entwickelt sich so rasant. Jeden Monat gibt es etwas Neues. Da kann man fast nur an einem Punkt sein, an dem man lernt.
Bernard A. Schüle: KI birgt aber auch Gefahren für die Museumswelt. Man muss wirklich am Ball bleiben, um weiterhin in der Lage zu sein, etwas zu zeigen, einen Reiz auf das Publikum auszuüben in einer Zeit, in der die Menschen ohnehin alles über KI abfragen können.
Die Handlungsfelder werden also immer grösser. Neben der Digitalisierung spielt auch das Thema Nachhaltigkeit inzwischen eine grosse Rolle. Dazu kommen soziale Fragen wie Inklusion, Barrierefreiheit und manches mehr. Frau Kauer Loens, wie erleben Sie diese Entwicklungen?
Andrea Kauer Loens: Als grosse Bereicherung. Wie Bernard sagte: Das Museum muss relevant bleiben. Da liegt eine riesige Chance. Das macht auch unsere Arbeit spannender und vielseitiger, und es hinterfragt die hergebrachten Rollen.
Man könnte es auch so sehen: Die Ansprüche an die Museen steigen, während die finanziellen und personellen Mittel nicht unbedingt immer Schritt halten, insbesondere in kleineren Museen.
Andrea Kauer Loens: Richtig, und das ist tatsächlich eine grosse Herausforderung. Da gehen wir nicht unbedingt auf einfachere Zeiten zu. Ich finde aber, dass ich gerade von den kleinen Museen ganz viel lernen kann, weil sie stärker gezwungen sind, ihre Ressourcen gut einzuteilen. Daraus entstehen sehr kreative Ideen.
Herr Wyer, wie nehmen Sie diesen Druck wahr? Direktorinnen und Direktoren haben die Verantwortung für ihre Häuser, aber Ihre Generation wiederum hat noch verhältnismässig viele Arbeitsjahre vor sich. Machen Sie sich darüber auch Gedanken?
Anthony Wyer: Ja, natürlich. All diese Themen betreffen nicht nur die Museumswelt, sondern bewegen die Gesellschaft als Ganzes – und sicherlich auch die jungen Leute. Im Museum für Kommunikation ist das alles ein Thema. Sei es Nachhaltigkeit, Partizipation, oder seien es rassismuskritische Narrative – auch ein Projekt, das bei uns im Museum läuft. Da passiert viel, und es ist auch wichtig, dass es passiert. Aber natürlich: Es schafft Druck, und es fordert Ressourcen ein, die vielleicht ohnehin schon knapp sind.

Nach einem Ethnologie-Studium wurde Bernard A. Schüle (rechts) Kurator im Landesmuseum. Anthony Wyer (links) stiess als Fachmann für Information und Dokumentation zum Museum für Kommunikation. © Richard Roy
Herr Schüle, stellte man sich damals, als Sie Ihre berufliche Laufbahn starteten, die Frage nach der Rolle eines Museums in der Gesellschaft überhaupt?
Bernard A. Schüle: Nein, man stellte sich generell recht wenig Fragen, muss ich heute sagen. Man wählte ein Thema für eine Ausstellung, weil die Kuratorin oder der Kurator an diesem Thema Freude hatte. Und dann machte man diese Ausstellung und hoffte, dass das Publikum auch Freude daran hat. Wir fragten uns auch nicht gross, für welches Publikum wir arbeiten. Nachträglich muss ich sagen: Wir waren hier im Landesmuseum teilweise viel zu wissenschaftlich und machten Ausstellungen von Kuratoren für Kuratoren. Heute wird das Publikum befragt und die Anzahl Besuchende analysiert.
Und das ist gut so?
Bernard A. Schüle: Auf jeden Fall.
Herr Wyer, für wen ist das Museum heute?
Anthony Wyer: Heute ist das Museum für alle. Das wäre zumindest das Ziel. Ob es das schon überall ist, ist eine andere Frage.
Frau Kauer Loens, ist das Museum für alle? Und wie können wir dieses Ziel erreichen?
Andrea Kauer Loens: Ja, es ist für alle, aber wir erreichen nicht alle Zielgruppen gleich, und vielleicht werden wir das auch nie. Deshalb ist es mein Anspruch, dorthin zu schauen, wo wir noch nicht gut sind. Spannender und aufschlussreicher als die Befragung von Besuchenden ist also die Befragung von Nicht-Besuchenden. Wie können wir zum Beispiel Menschen mit Migrationshintergrund stärker einbinden, wie erreichen wir junge Erwachsene besser? Wie werden wir inklusiver, barrierefreier? Das sind für uns wichtige Fragen im Moment, und da haben wir noch Luft nach oben.
Apropos Zukunft: Nachdem wir nun viel über Vergangenheit und Gegenwart gesprochen haben, lassen Sie uns noch einen Blick in die Zukunft wagen. Die letzten Jahre waren geprägt von einer Art exponentiellem Wachstum in Bezug auf gesellschaftliche Veränderungen, Themen- und Handlungsfelder im Museum. Was erwarten Sie von den kommenden Jahren? Wie wird es weitergehen?
Anthony Wyer: Ich denke nicht, dass es weniger schnell vorwärtsgehen wird. Wir haben darüber gesprochen: Allein im Bereich KI passiert jeden Monat etwas Neues, und das wird sicher eine aufwühlende Sache werden in der Museumslandschaft, wie in der ganzen Gesellschaft. Es wird neue Fachkräfte brauchen, es wird neue Skills brauchen, neues Wissen – und, ja, es wird wahrscheinlich viel kosten, das aufzubauen. Hier ist es wichtig, dass man zwischen den Museen Synergien schaffen und zusammenarbeiten kann.
Freuen Sie sich darauf, oder blicken Sie mit Sorge auf diese Entwicklung?
Anthony Wyer: Beides. Es ist sicherlich ein bisschen Angst dabei: Wie sieht die Zukunft aus? Gibt es dort einen Platz für mich? Gibt es einen Platz für die Leute, mit denen ich zusammenarbeite? Wie sieht das Museum von morgen aus? Das sind Fragen, die wir nicht abschliessend beantworten können. Aber ich denke, es kann auch sehr viel Gutes bringen.
Andrea Kauer Loens: Gerade in dieser Zeit der schnellen Entwicklung und der immer wieder aufkommenden Frage nach der Qualität von Informationen haben die Museen einiges zu bieten, und ich hoffe, dass diese Basis nicht aus dem Blick gerät: unsere Sammlungen, unsere Forschungsarbeit, aber auch unsere Kompetenzen, beispielsweise als ausserschulische Lernorte. Dem sollten wir unbedingt Sorge tragen.
Bernard A. Schüle: Museen haben etwas Handfestes, und das unterscheidet sie von dem rein Digitalen. Ich hoffe, dass die Gesellschaft das Interesse daran nicht verliert. Da haben die Museen noch eine Rolle zu spielen, aber sie müssen sich verteidigen.
Dieser Beitrag erschien zuerst in der Jubiläumsausgabe der «Schweizer Museumszeitschrift» (Nr. 27/2026), herausgegeben vom Verband der Museen der Schweiz und von ICOM Schweiz. Er wurde leicht überarbeitet.