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Was geht das mich an?

Museen im Alltagscheck

Museen zählen zu den Gedächtnisinstitutionen, aber ihr Auftrag, Anspruch und ihre Rolle in der Gesellschaft sind viel umfassender. Mehr denn je müssen sie sich heute die Frage stellen lassen: Was hat das alles mit mir zu tun? Wie Museen darauf reagieren, zeigt eine kleine Tour von der inszenierten Basler Fasnachtsbeiz bis zu Schloss Chillon.

 

Schon beim Eintreten in die historischen Räume hört man breitestes «Baseldytsch». Es sind die «Schnitzelbängg», die aus der nachgestellten Fasnachtsbeiz im Museum der Kulturen Basel tönen. Serviert werden selbstredend «Määlsuppe» und «Ziibelewaaie», komplett übersät mit «Räppli» (Konfetti). Es herrscht Hochstimmung in diesem Hotspot der «Basler Fasnacht», wo Gott und die Welt auf die Schippe genommen werden und auch die Kantonsregierung ihr Fett abkriegt.

«Das Aufkommen an Besuchenden der Ausstellung ‹Basler Fasnacht› ist in den zwei Monaten vor und in den Wochen nach der Fasnacht am grössten», sagt Friedrich von Bose, Direktor des Museums der Kulturen, «die Fasnacht wird dann zu einer Art Vorspiel und Nachklang des eigentlichen Ereignisses. Während des realen Treibens an den «drei scheenschte Dääg» ist die Ausstellung grösstenteils geschlossen – ausser am Dienstagnachmittag, «ein bewusster Kontrapunkt dazu, dass draussen die Fasnacht läuft». Ein Wechselspiel zwischen Museum und Lebenswelt, eine Ausstellung, die nie abgeschlossen ist.

 

Buntes Treiben in einer nachgestellten «Fasnachtsbeiz», einem Hotspot der Basler Fasnacht, die 2017 von der UNESCO in die repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit eingetragen wurde © Museum der Kulturen, Omar Lemke.

 

Im Dienst der Gesellschaft

2017 wurde die Basler Fasnacht von der UNESCO in die repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit eingetragen, sie sei vergleichbar mit einem riesigen Satiremagazin. Die Schnitzelbänke förderten durch ihre soziale Kritik Toleranz und Zusammenhalt in der Gesellschaft, so die Begründung. Letzteres ist auch wichtiger Bestandteil der Museumsdefinition, die vom Internationalen Museumsrat ICOM 2022 verabschiedet und in die neuen Ethischen Richtlinien von ICOM aufgenommen wurde, die seit Juni 2026 gelten: «Ein Museum ist eine nicht gewinnorientierte, dauerhafte Institution im Dienst der Gesellschaft, die materielles und immaterielles Erbe erforscht, sammelt, bewahrt, interpretiert und ausstellt.»

Museen sollen überdies inklusiv und partizipativ sein sowie «vielfältige Erfahrungen hinsichtlich Bildung, Freude, Reflexion und Wissensaustausch ermöglichen.» Die einstigen Häuser der Hochkultur, heute oft mit öffentlichen Geldern (teil-)finanziert, müssen viel stärker nach aussen treten und zeigen, was sie leisten können und warum wir sie als Gesellschaft brauchen.

 

Zum Anfassen und Mitmachen: Interaktive und spielerische Elemente gehören zu jeder Ausstellung im Stapferhaus, hier in «Hauptsache gesund – eine Ausstellung mit Nebenwirkungen». © Stapferhaus, Anita Affentranger

 

Austausch mit Fachleuten als Wissens- und Erfahrungsressource

Das Stapferhaus in Lenzburg, Gewinner des European Museum of the Year Award 2020, ist bekannt für seine Ausstellungen über die grossen Themen unserer Zeit: Wahrheit, Gesundheit und ab November 2026 Sicherheit und Risiko. «Was hat das alles mit mir und meinem Alltag zu tun?» ist beim Stapferhaus eine Leitfrage bei der Themenwahl. «Wir überlegen, was die Menschen in ihrem Alltag gerade beschäftigt, und versuchen, eine Verbindung zu gesellschaftspolitischen Fragen zu schaffen», sagt Co-Leiterin Sonja Enz. «Wie hängt mein Leben mit dem übergeordneten Ganzen zusammen? Wie ist es geprägt von Regeln und Normen, und wo kann ich mitgestalten?»

Sonja Enz legt Wert darauf, dass ihr Team bei den Ausstellungsvorbereitungen auf Vielstimmigkeit und Perspektivenvielfalt setzt. Recherche ist längst nicht mehr nur Text- und Bildrecherche, sondern geht ans Lebendige: Für jede neue Ausstellung spricht das Stapferhaus-Team mit Fachleuten, die sich auf praktischer oder wissenschaftlicher Ebene mit dem Ausstellungsthema beschäftigen.

Das Stapferhaus hat zwar keine Sammlung, aber natürlich trotzdem eine Geschichte – und die beginnt in einem Schloss: Von seiner Gründung 1960 bis in die 1990er-Jahre lud es zu Tagungen und Debatten auf Schloss Lenzburg ein. «Dieser Tradition als Ort der Begegnung und Auseinandersetzung mit Zeitfragen fühlen wir uns nach wie vor stark verpflichtet», schliesst Enz.

Schloss Chillon thront seit fast tausend Jahren auf einer Felseninsel am Ufer des Genfersees bei Montreux. © Schweiz Tourismus

Hinterlassenschaften der Zukunft

Das Stapferhaus ist längst aus dem Schloss ausgezogen, nach verschiedenen Provisorien 2018 in einen markanten Holzbau direkt am Bahnhof. Wie aber baut man eine Brücke in den Alltag in einem Museum, das selbst Kulturerbe und physisch stärker an seine Geschichte gekoppelt ist? Schloss Chillon hat auf den ersten Blick wenig mit unserem Alltag zu tun. Möglicherweise liegt genau darin seine Anziehungskraft, abgesehen von seiner Anmut und aussergewöhnlichen Lage: dass wir es mit den Schönen und Reichen verbinden, mit sagenumworbenen Geschichten.

«Schlösser sind nach wie vor Orte der Faszination, Entdeckung und des Staunens», sagt Marta Sofia dos Santos, Direktorin der Stiftung Schloss Chillon, «ob bei Kindern oder Erwachsenen: Der Zauber wirkt immer.» Das Mittelalter liege im Trend, sei es durch Serien, Fantasy-Veranstaltungen oder Literatur. Ende 2025 hat die Schloss-Chillon-Stiftung ihren Auftrag neu formuliert: Sie setzt sich dafür ein, Kulturerbe zu einem lebendigen Erbe zu machen mit dem Ziel, das historische Erbe aufzuwerten und es gleichzeitig mit der Gegenwart in Einklang zu bringen. So kooperiert das Museum aktuell mit der ECAL (Kantonale Kunsthochschule Lausanne) und lud Studierende dazu ein, einen zeitgenössischen Blick auf das Schloss zu werfen und sich vorzustellen, welche Spuren unsere Epoche dereinst hinterlassen wird: «Reliques du futur» – Relikte der Zukunft.

 

Spiel zwischen Vertrautem und Unvertrautem

Wie Schloss Chillon gehört auch das Musée de l’Hôtel-Dieu in Porrentruy zu den Kulturgütern von nationaler Bedeutung. Das Heimatmuseum der jurassischen Stadt ist in einem spätbarocken Gebäude mit spektakulärer Fassade untergebracht, bis 1956 war es ein Spital. Insbesondere bei Schülerinnen und Schülern sei es wichtig, sie auf ihrem Rundgang durchs Haus zu begleiten, ihnen Erklärungen zu geben und so ein besseres Verständnis der Geschichte zu ermöglichen, sagt Museumsleiterin Anne Schild. Eine besondere Faszination erzeugen «sprechende» Objekte wie die Reliquienschreine mit schmuckverzierten Skeletten. «Sie lassen unser junges Publikum erschauern, danach kommen unzählige Fragen.» Hier entfacht das Spiel zwischen Vertrautem und Unvertrautem das Interesse, ausgelöst durch ein starkes Gefühl. In der Vermittlungsarbeit lässt sich bestens daran anknüpfen, durch Fragen wird diese interaktiv und lebendig.

 

Im Verkehrshaus der Schweiz können Besucherinnen und Besucher mit einer Virtual-Reality-Brille auf dem Velo brenzlige Situationen im Strassenverkehr erleben. © Verkehrshaus der Schweiz

 

Was bleibt?

Wir schliessen die Tour im Verkehrshaus der Schweiz, einem Museum, das stark auf Erlebnisorientierung und Interaktivität setzt. Auch hier liegt die Frage nach dem Alltagsbezug nahe. «Verkehr betrifft tatsächlich jede und jeden täglich – der Arbeitsweg, die Ferienreise, der Online-Einkauf, der morgen geliefert wird, und wie wir Energie nutzen. Im Verkehrshaus zeigen wir, wie diese Vorgänge historisch entstanden sind und wie sie sich weiterentwickeln», sagt Direktor Martin Ettlinger. «Damit machen wir sichtbar, was im Alltag oft unbemerkt bleibt.» Relevanz entstehe, wenn ein Museum Fragen aufgreife, die Menschen tatsächlich beschäftigten, und wenn es sich immer wieder verändere, statt ein einmal geschaffenes Angebot zu verwalten.

Was bleibt: Museen sind heute stark gefordert, sich in einem riesigen Freizeit- und Unterhaltungsangebot zu behaupten, die Aufmerksamkeitsspanne ist kurz. Die Frage nach der Relevanz im Alltag setzt voraus, stetig offen zu sein für neue Entwicklungen und zu lernen – auch als Organisationen. Ausstellungsthemen mit Aktualitätsbezug, zeitgemässe Vermittlungsangebote auch für ein junges Publikum und der Dialog mit der Öffentlichkeit auf Augenhöhe machen dabei den Unterschied. Darüber hinaus – ob Denkmal oder nicht – der «Auftritt» im Stadt- oder Landschaftsbild, das Gebäude selbst als Ort der Begegnung und des Staunens. Ein Ort, an dem man nicht mehr vorbeikommt.